"Wer bist du?" von Dr. Birgit Szepanski, Katalogtext
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"Who are you?" by Dr. Birgit Szepanski (engl. version)
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Text von Dr. Birgit Szepanski für meinen Katalog "Entdeckerinnen. I climbed the mountain", Februar 2019

(scroll for english version)

 

Wer bist Du?  


... dies ist eine Frage, auf die sich weder eine schnelle noch eine abschließende Antwort finden lässt. Wer jemand ist, hängt zu vielen Teilen von den Umständen und der Zeit ab. Daher ist die Frage nach der Identität immer auch eine politische Frage. Denn jede Zeit und jedes Land setzt andere Bedingungen, mit denen die Freiheit des Menschen ermöglicht oder eingeschränkt wird. Mit der Frage »Wer bist Du?«1 wird der
Mensch, so die Philosophin Hannah Arendt, vom Anbeginn seines Lebens konfrontiert. Die Bildung von Identität hängt mit den anderen, den Mitmenschen zusammen, da der Mensch immer in einem Geflecht von Beziehungen steht. Insofern richtet sich die Frage gleichermaßen an die Befragten als auch an die Fragestellenden. Identität ist eine das ganze Leben andauernde Auseinandersetzung mit der Welt, Wertevorstellungen, Reglements und politischen Kontexten.

In der malerischen Serie »I climbed the mountain. Entdeckerinnen« setzt sich Zsuzsa Klemm mit diesen sowohl philosophischen, existentiellen als auch politischen Fragen auseinander. Dabei spielen die Themen von Zugehörigkeit zu einem Geschlecht und die ethnische Herkunft eine Rolle, denn diese bilden oftmals Kategorien und lassen Rollenzuschreibungen entstehen, die einer individuellen Kraft, eines politischen und
künstlerischen Engagements bedürfen, um erweitert oder auch überwunden zu werden. Klemm begegnet dieser Problematik mit einer impulsiven und doch filigranen Malerei. Und wie ein Zeichen für die gesamte Serie leuchtet aus einem ihrer Bilder ein orangefarbenes ›Who are you?‹ hervor. Die Frage, wer jemand ist, eröffnet eine Reihe von weiteren Fragen und Themenräumen: Wer willst und kannst Du sein? Welche
Möglichkeiten hast Du? Was kannst und willst Du entdecken?


Zsuzsa Klemms Serie »I climbed the mountain. Entdeckerinnen« umkreist diese Fragen mit malerischen Mitteln und verbindet dabei Bild mit Text und Malerei mit Collage: Ausschnitte von Gesichtern aus Schwarzweiß-Kopien lugen aus überlappenden Farbschichten hervor und gemalte Schriftzüge durchqueren figurative und gestische Formen. Es entstehen dynamische Bildebenen. Jedes Gemälde, so scheint es, erzählt einen Teil einer sich immer weiter entwickelnden Geschichte. Und der nähere Blick zeigt: Frauen
bilden und formen diese Geschichte(n). Zsuzsa Klemm wählt für ihre Gemäldeserie Frauenpersönlichkeiten aus, deren Werk und Leben für Gleichberechtigung, geistige und künstlerische Freiheit und Pluralismus stehen und fügt diese behutsam in ihre malerische Welt ein. Dort gehen die weiblichen Figuren – wie Rosa Luxemburg, Nina Simone, Jane Birkin, Hannah Arendt, Marie Curie, Rosa Parks und Caitlyn Jenner – mit Klemms malerischem Duktus eine Zwiesprache ein und scheinen neben der realen Welt auch die malerische vorantreiben zu wollen. Genau dies ist ein wesentliches Anliegen von Zsuzsa Klemm: Eine Wirklichkeit zu schaffen, in der die Selbstbestimmung von Frauen als ein dynamisches Potential sichtbar wird. Die zwischen Hommage, Vision und malerischem Manifest changierenden Sujets zeigen eine persönliche Stellungnahme der Künstlerin und sprechen die Betrachtenden nicht nur durch ein Wiedererkennen und -entdecken berühmter Schriftstellerinnen, Sängerinnen, Politikerinnen und Wissenschaftlerinnen und deren Worte, Taten und Lebenswege an, sondern auch durch zeichenhafte Details.
In »Blick in die Welt« ziehen eine Brille und ein lächelnder Mund die Aufmerksamkeit auf sich: Das Gesicht einer jungen Frau ist von Zsuzsa Klemm mit einer überdimensionierten Brille versehen worden und etwas weiter links, unter einer gelblichen Schicht, lächelt die gleiche, nun älter aussehende Frau. Klemm porträtiert Hannah Arendt nicht, sondern lässt deren der Welt zugewandten und forschenden Blick auf die Blicke der Betrachtenden treffen. Ein Moment von Reflexion, Dopplung und Überblendung entsteht, der mit
ihrer Malerei eng verwoben wird. Diese lotet Zsuzsa Klemm in ihrer Serie selbst aus. Bilder wie »Still alive, Rosa«, »Life is now« und »Let it all out« zeigen eine kraftvolle Malerei, die Konventionen sprengen will: gestische Farbflächen und Sprenkel treffen auf filigrane Gesichter und vielfältige Formen, und umringen sie, und bunte, an Graffiti-Schrift erinnernde Lettern lassen auf der Leinwand Sprachspiele entstehen und
führen die Themen Feminismus, Identität und Vielfalt in den offenen Bereich der (künstlerischen) Möglichkeiten. Zsuzsa Klemm arbeitet assoziativ. Ein Fragment aus einem Liedtext Nina Simones kann mit Sätzen Rosa Luxemburgs einen neuen, dritten Text eingehen, ebenso fungieren die aus der Ikonenmalerei bekannten, halbrunden Raumdarstellungen in vielen Bildern Klemms als eine zeitgenössische Bühne für ein
weibliches Personal, das diese mit ihrer Sicht auf die Welt einnimmt und bespielt.


In einem kleinformatigen Bild der Serie türmen sich gelbliche Haare einer Frauengestalt – oder sind es ihre Gedanken? – zu einem Berg und tangieren einen blauen Hügel in einer ruhig anmutenden Berglandschaft. Dieses still-poetische Bild könnte eine Metapher für Zsuzsa Klemms Serie »I climbed the mountain. Entdeckerinnen.« sein. Weil die Frage, wer jemand ist, ein das Leben begleitender und kreativer Prozess ist, benötigt die Fragestellung die Introspektion ebenso wie die Mitteilung. Zu entdecken ist, dies proklamiert. Zsuzsa Klemm in ihrer malerischen Serie, der eigene und eigensinnige Weg, der von den Gedanken und Wünschen gestaltet wird. Identität ist eine nicht enden wollende Erzählung, die von Abweichungen, Vielschichtigkeiten und Überschreitungen lebt. Dass Zsuzsa Klemm bekannte Frauenpersönlichkeiten zu Akteurinnen ihrer Bilder macht, sie als couragierte Wegbereiterinnen und -begleiterinnen in Szene setzt, ist
ein eigener malerischer Weg.


                                                                                                      Dr. Birgit Szepanski

 

 

 

1 Hannah Arendt, »Vita activa oder vom tätigen Leben«, München 2002.

 

 

 

 

 

Who are you?

 

... this is a question for which there are no quick or conclusive answers. Who someone is highly depends on the situation and the era you are living in. Therefore the question of identity is always also a political one. As each era and each country sets different conditions that facilitate and restrict people’s freedoms.

“Who are you?” 1, according to the philosopher Hannah Arendt humans are confronted with this question from the very first moment they were born. Identity is formed in connection with other people, fellow human beings, since humans are situated always within a network of different relationships. In this sense, the question is addressed not only to the people to whom it is asked, but also to those doing the asking. Identity is a life-long confrontation with the world, with values, regulations and political contexts.

In the series of paintings entitled “I climbed the mountain. Entdeckerinnen” Zsuzsa Klemm confronts these philosophical, existential and political questions. Here, gender and ethnic origin play a role, often creating categories and causing people to be ascribed to certain roles. Pushing the limits of those roles, or moving beyond them, requires personal strength and political and artistic commitment. Klemm tackles this issue with a painting style that is at once impulsive and delicate. And as if it were a symbol for the whole series, an orange “Who are you?” shines out of one of her paintings. The question of who someone is opens up a whole series of other questions and thematic spaces: Who do you want to be and who can you be? What possibilities do you have? What can and do you want to discover?

Zsuzsa Klemm’s series "I climbed the mountain. Entdeckerinnen" approaches these questions via artistic means, combining images with text and paint with collage: fragments of faces cut from black-and-white prints peek out from overlapping layers of paint, and painted lettering criss-crosses figurative and expressive forms. Dynamic visual layers result. Every painting, it seems, tells part of an ever-evolving story. And a closer look reveals: it is women that are creating and shaping this/these story/ies. For her paintings, Zsuzsa Klemm has chosen women whose work and lives represent equal rights, intellectual and artistic freedom and pluralism, and has sensitively integrated them into her artistic world. There, these female figures – such as Rosa Luxemburg, Nina Simone, Jane Birkin, Hannah Arendt, Marie Curie, Rosa Parks and Caitlyn Jenner – enter into a dialogue with Klemm’s own artistic expression and seem to want to direct the artistic world as well as the real one. And that is one of Zsuzsa Klemm’s primary wishes: to create a reality in which women’s self-determination becomes visible as a dynamic potential.

The subjects oscillate between homage, vision and painterly manifesto, demonstrating the artist’s personal point of view and appealing to the viewer not only through the recognition and rediscovery of famous writers, singers, politicians and scientists and their words, deeds and lives, but also through symbolic details.

In "Blick in die Welt/ View to the World” your eyes are drawn to a pair of glasses and a smiling mouth: Zsuzsa Klemm has given a young woman’s face a pair of oversized glasses, and further to the left, the same woman, now looking older, smiles out from under a layer of yellow-coloured paint. Klemm hasn’t drawn a portrait of Hannah Arendt, instead she lets her world facing and inquiring gaze meet the gaze of the beholder. A moment of reflection, doubling and fading arises, which closely is interwoven with her art. Zsuzsa Klemm herself explores this in her series of artworks. Pictures like "Still alive", "Life is now" and "Let it all out" demonstrate a powerful form of painting that wants to go beyond convention: expressive swathes and sprays of colour combine with and surround delicate faces and diverse shapes, while words tumble in colourful, graffiti-like letters across the canvas and lead feminism, identity and diversity into the open realm of (artistic) possibility. Zsuzsa Klemm works associatively. A fragment of lyrics from a Nina Simone song merges with the words of Rosa Luxemburg to create a third text, while in many of Klemm’s pictures, we see the semicircular spatial forms familiar to us from icon painting serving as a contemporary stage for a group of women who take to it and use it as a platform to express their view of the world.

In one small picture in the series, a female figure’s yellow hair (or is it her thoughts?) is piled up like a mountain, overlapping with a blue hill in a seemingly calm mountain landscape. This quietly poetic image could be seen as a metaphor for the whole of Zsuzsa Klemm's series "I climbed the mountain. Entdeckerinnen". Since the question of who someone is accompanies you life long as a creative process. It is a question that requires introspection as well as communication. In this series of paintings, Zsuzsa Klemm declares that the act of discovery is one's own, willfully-chosen path, one that is shaped by our thoughts and desires. Identity is a never-ending narrative that feeds from deviations, complexities and transgressions. The fact that Zsuzsa Klemm turns well-known women into the protagonists of her paintings and stages them as courageous pioneers, as well as companions on that journey, is a painterly path of its own.

 

Dr. Birgit Szepanski

 

1 Hannah Arendt, »The Human Condition«, Munich 2002.

 


 

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